Was treibt die Leute heute in den Gottesdienst?
In einer Situation wie jetzt fragen sich viele Menschen: Wo finde ich eigentlich Halt? Es kommen ja nicht nur Erfolgreiche in den Gottesdienst, sondern viele, die sagen, ich habe Angst um den Arbeitsplatz, ich werde alt und krank – wo ist mein Leben eigentlich verortet? Und ich bin auch überzeugt, dass in einer Gesellschaft, die von Zuwanderung redet, viele neu überlegen, wohin eigentlich zugewandert werden soll, in welche Gesellschaft mit welcher Wertehaltung.
Das Interesse an der Kirche und ihren Werten erstarkt also wieder?
Das sehe ich an den manchmal sehr überraschenden Einladungen, die ich bekomme – bei einer Bank über christliche Werte zu reden oder vom Deutsche Steuerberaterverband um die Festrede gebeten werden – das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren für mich als Bischöfin gehäuft. Es gibt ein neues Interesse dafür, woran wir uns als Gesellschaft orientieren und da ist die Kirche natürlich ein entscheidender Punkt. Sie können doch in Deutschland Literatur, Architektur, Geschichte überhaupt nicht verstehen, wenn sie keinen Schimmer vom Christentum haben. Sie müssen ja nicht gleich alle gläubig werden, aber sie müssen wenigstens ein Grundwissen haben. Bis hin zu dem Jungen, der die Marktkirche besucht, sich das Altarbild anschaut und sagt: „Boah, was ist denn mit dem da passiert?“ – und zeigt auf das Kreuz. Da muss ich dann lachen, aber das heißt auch, dass er noch nie was von Jesus Christus und der Kreuzigung gehört hat. Dazu bietet der Religionsunterricht eine zentrale Orientierung. Und ich bedauere zutiefst, wie oft der ausfällt.
Welche Rolle kommt dem Religionsunterricht heute noch zu?
Es ist erwiesen, dass konfessioneller Religionsunterricht toleranter und weltoffener macht. Zudem werden Kinder und Jugendliche religionsmündig, weil sie lernen, kritisch über Glauben zu reflektieren. Das ist ja keine missionarische Veranstaltung. Der andere Aspekt ist sicher die Kulturfrage, zu wissen, in welcher Kultur ich eigentlich lebe. Ich kann mich mit Muslimen besser unterhalten, wenn ich weiß, was ich selber glaube. Dann hört auch diese tiefe Angst vor Menschen mit muslimischem Glauben auf, weil ich respektieren kann, dass der andere anders glaubt.
Findet denn dieser Dialog überhaupt statt?
Wir haben hier eine Gesprächsreihe zwischen Christen und Muslimen. Neulich hat mir eine Frau türkischer Herkunft gesagt: „Ich lebe seit 16 Jahren in Deutschland und ich habe noch nie ein deutsches Wohnzimmer gesehen. Mich würde aber interessieren, wie Deutsche ihr Wohnzimmer einrichten.“ Das heißt, Alltagsbegegnung zwischen den Kulturen findet in dieser Form oft gar nicht statt. Ich war in Linden in der Schule, 250 Kinder aus 60 Nationen! Wir müssen uns klar machen, wie viele Nationalitäten inzwischen unter uns leben und wie wichtig gerade die Alltagsbegegnung da wird.
Und wie ist das gegenseitige Verhältnis im interreligiösen Dialog?
Wir haben einen wirklich guten Dialog mit den beiden jüdischen Gemeinden. Eine unserer Kirchen wurde jetzt von der liberaljüdischen Gemeinde gekauft. Die Synagogengemeinde hatte vorher sehr stark überlegt, ist deswegen extra zum Oberrabbiner nach New York gefahren. Das halte ich für einen interessanten Prozess. Mit der muslimischen Gemeinde – ich lade alle zwei Jahre Vertreter der muslimischen Vereinigungen ein – ist das ein sehr vorsichtiges Herantasten. Der Dialog wurde viel zu lange gar nicht geführt, da müssen wir erstmal eine Vertrauensbasis gewinnen. Es gibt immer leicht Verletzungen, schnelle Feindbilder.
Im Zuge des 11. September haben die gefühlten Spannungen speziell zwischen Christentum und Islam zugenommen. Sehen Sie die Differenzen tatsächlich religiös motiviert?
Dem würde ich widersprechen. Es ist eher ein clash of cultures, vielleicht auch allein ein clash of politics, der dann religiös überhöht wird. Nehmen wir Nordirland, um nicht immer so zu tun, als ginge es nur um Muslime. Vordergründig „Katholiken gegen Protestanten“ ging es eigentlich um pro oder contra England. Durch den Konfessionalismus wurde das dann religiös überhöht, aber letzten Endes war es ein politischer Konflikt. Das ist ganz oft so. Statt Christentum gegen Islam geht es eigentlich um die arabische und die westliche Welt. Ich kenne auch arabische Christen in Palästina, die vieles deutlich anders sehen als Christen in der westlichen Welt. Religion darf nicht Öl in das Feuer politischer Konflikte gießen, sondern muss zur Konfliktentschärfung beitragen. Das ist oft schwierig, weil Menschen sehr emotional werden, wenn es um ihre Religion geht. Aber zu sagen: Das ist die Achse des Bösen, das ist mir zu einfach.
Sie sind die erste Frau an der Spitze der Landeskirche. War eine große Umstellung?
Vor zehn Jahren hieß es: Nun kandidieren Sie mal, damit man sieht, es könnte auch eine Frau machen – gewählt werden Sie sowieso nicht. Und als ich dann doch gewählt wurde, bin ich und sind andere durchaus erschrocken. Heute kann ich sagen, dass ich sehr gerne Bischöfin bin, das Amt auf meine Weise ausfülle. Und für die Landeskirche ist es inzwischen auch selbstverständlich. „Unsere Frau Landesbischöfin“, so werde ich immer begrüßt, auch von Leuten, die nicht in der Kirche sind. Das hat inzwischen absolute Normalität gewonnen.
Hat sich dadurch auch die Ämterverteilung zwischen Männern und Frauen angeglichen?
Auf Pfarramtsebene haben wir jetzt 30 Prozent Frauen. Das ist historisch ein enormer und schneller Erfolg – erst 1972 wurde die Frauenordination eingeführt. Auf der Leitungsebene hingegen bemühe ich mich, aber das bleibt eine Herausforderung. Da sagen mir viele Frauen: Darauf habe ich keine Lust, ich will Pastorin und bei den Menschen sein. Im Moment ringen wir sehr darum, Superintendentenstellen mit Kandidatinnen zu besetzen, aber es ist nicht einfach, welche zu finden.
Vielleicht aufgrund schwieriger Vereinbarkeit mit der Familie?
Ich habe vier Kinder und bin immer berufstätig gewesen. Es gibt ganz oft dieses Familienbild, dass die Familie stabil und gut ist, wenn sich die Frau ganz der Kindererziehung und dem Haushalt widmet. Das kann gut sein. Ich glaube aber, es kann auch anders gelebt werden – dann müssen sich die Männer ein wenig umstellen, auch die Betreuungsstruktur muss sich verbessern. Und es gibt immer noch den Vorwurf der Rabenmutter, wenn eine Frau berufstätig ist. Aber miteinander zu Hause sein ist noch kein Qualitätsmerkmal, Mutter und Kind könnten ja den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen. Immerhin, bei den Betreuungsstrukturen hat sich in den letzten Jahren viel positiv verändert. Ich war beispielsweise kürzlich in Kirchgellersen, da ist eine Krippe neu entstanden mit 13 Plätzen. Und die waren – in einer Kirchengemeinde auf dem Lande! – sofort weg. Die Nachfrage ist enorm.
In Medien, Wirtschaft und Hochschulen wird der Elite-Gedanke immer stärker betont. Laufen wir damit nicht in eine Sackgasse?
Eliten braucht unser Land auch. Es braucht definitiv soziales Engagement, aber auch kein Verstecken hinter dem Mittelmaß, sondern auch sozial engagierte Eliten, die eine Haltung haben. Wenn ich weiß, welche Werte jemand hat, dann habe ich auch Vertrauen, weil ich weiß, wie er sich verantwortet. Aber wenn Elite heißt, ich raffe so viel Geld, wie ich nur kann und spare dann die Steuern, indem ich in die Schweiz gehe – das ist für mich keine Elite. Zur Elite gehört für mich nicht nur die Leistung, sondern auch das Ethos.
Angesichts der Wirtschaftskrise wurde der Ruf nach einer neuen Ethik laut, geändert hat sich nichts, die Krise verflüchtigt sich. Alles back to normal?
Wenn Aktionäre vernünftig wären, wüssten sie, Geld allein arbeitet nicht. Andererseits habe ich ein realistisches Menschenbild: Der Mensch ist verführbar seit Adam und Eva, er neigt zum Größenwahn seit dem Turmbau zu Babel. Aber ich halte das für ein Trauerspiel, wenn Menschen sich dieser Raffgier hingeben. Geiz ist auch nicht geil, sondern absolut unsympathisch. Ich habe noch nie einen Menschen sagen hören: Ich liebe dich, weil du so wunderbar geizig bist. Wenn öffentliche Repräsentanten den Eindruck erwecken, dass es nur noch um Selbstbereicherung geht, ist das ein enormer Vertrauensverlust. Ich finde es nicht schlimm, wenn einer mehr verdient und der andere weniger, sehr wohl aber diese Maßlosigkeit. Zur Sozialen Marktwirtschaft sehe ich keine Alternative, aber das Soziale muss auch erkennbar sein.
Das heißt konkret?
Für die Menschen, die in der Leistungsgesellschaft nicht mithalten können, weil sie zu alt, krank, behindert, zu jung sind, muss es eine Solidarität der Starken mit den Schwachen geben. Die, die nicht leisten können, müssen in Würde abgesichert sein. Das ist die soziale Komponente. Das ist heute oft nicht im Vordergrund.
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