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Das rebellische, gallische Dorf
Das rebellische, gallische Dorf

Noch vor drei Jahren war Göttingen sportlich so bekannt wie das Phänomen der Synästhesie. Seitdem hat sich die Stadt jedoch durch ein violettes Wunder namens BG Göttingen sichtbar verändert. Man ist wieder wer, im Sport.

Das rebellische, gallische Dorf

© Sven Marquardt

„They say: What’s going on there? How did that happen?“ John Patrick, der vermutlich bekannteste Amerikaner Göttingens, freut sich angesichts der überraschten Kommentare der Basketball-Konkurrenz, wenn sie gegen die Veilchen mal wieder verloren hat, sein „baby project“, wie er die Mannschaft stolz nennt. In der Tat. Was sich seit ein paar Jahren in Göttingen auf sportlicher Ebene tut, kann man nur als kometenhaften Aufstieg bezeichnen. Als John Patrick 2002 von Japan nach Göttingen übersiedelte, um zunächst hier zu spielen und ab 2003 die Basketballmannschaft zu coachen, war selbige noch eine Jugendmannschaft ohne Finanzmittel, spielte in der Sporthalle des Felix-Klein-Gymnasiums und hatte nur einige hundert Besucher bei ihren Spielen in der 2. Liga Nord – von der langen Basketballtradition in Göttingen und der früher mal errungenen Deutschen Meisterschaft keine Spur mehr. Doch dann setzte so etwas wie ein sportliches Wunder ein. Schon in der Saison 2006/2007 erkämpfte sich die Mannschaft den Aufstieg in die 1. Liga und zog aus der Sporthalle zu ihren Spielen in die Lokhalle um, wo immerhin 4.000 Menschen reinpassen. Und dort spielten die Underdogs von Anfang an nicht um den Klassenerhalt, sondern mit dem Blick fest auf die Tabellenspitze. Dass das Underdog-Image mehr ist als nur ein PR-Instrument, hängt für Marc Franz, Geschäftsführer von den BG-Organisatoren starting five, ganz schlicht mit den Zahlen zusammen: „Wir sind definitiv ein Team, das sich im unteren Bereich der Budget-Tabelle bewegt. Das macht ja auch einen Teil unserer Geschichte aus.“
Aber nicht nur unterm Korb hat sich einiges getan. Geht man abends durch den Göttinger Bahnhof und Leute mit violetten Schals, Mützen, Shirts strömen einem entgegen, ist klar: Die Veilchen haben Heimspiel. Dieser Fansupport hat für die Sportverantwortlichen schon einzigartige Qualitäten; Marc Franz sieht darin ganz klar die Basis – „Die Spieler werden in der Stadt erkannt, auch die Farbe, das passt einfach alles zusammen. Wir waren mit 700 Fans beim Pokal Top Four in Frankfurt, da bewegen wir Menschen.“ Und John Patrick spricht von einer echten Bewegung. „Unsere Fans sind crazy, auch nach US-Standards. Sie singen, wenn wir verlieren, sie singen, wenn wir gewinnen, sie rufen deinen Namen und wollen deine Hand schütteln. Sie leben für Basketball.“ „Das ist in Göttingen richtig eingepflanzt“, sagt Marc Franz. „Jetzt muss das zarte Pflänzchen noch weiter wachsen.“ Als Turbodünger hat sicher auch der Gewinn des Eurochallenge gewirkt. Dass der drittwichtigste europäische Wettbewerb beziehungsweise seine Finalrunde nach Göttingen kam, ist dem besonderen Einsatz bei starting five geschuldet gewesen. „Das war gerade auch für Deutschland ein Highlight. Was Basketball angeht, hat es so was lange nicht mehr gegeben.“ Entsprechend war die Stimmung. In routinierter Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung Göttingen wurden die nur vier Wochen zwischen Entscheidung für Göttingen und dem Turnier genutzt, um in der Lokhalle ein Basketball-Fest zu inszenieren. Der Verband FIBA Europe bekam ein Büro, die Fans sorgten für eine fast ausverkaufte Halle und die internationale Fachpresse sprach denn anschließend auch von einem veritablen Basketball-Festival, bei dem gerade auch die Fanatmosphäre begeisterte. Doch neben einem kleinen finanziellen Gewinn ist es vor allem der Titel, der übrig bleibt. „Für die Trophäe haben wir leider noch keinen richtigen Platz“, meint Marc Franz, „also steht sie momentan im Safe. Aber wir arbeiten daran. Die Leute sollen sie ja bewundern.“
Der Titel ist letztlich auch die Bestätigung für die konsequente Arbeit eines Mannes: John Patrick. Zweimal in Folge wurde er zum Trainer des Jahres in der Basketball-Bundesliga gewählt, was zuvor noch niemand geschafft hatte. Durch seine eigene Profikarriere ist er hervorragend mit der NBA vernetzt, fährt regelmäßig in die USA, hört Kollegen zu, spricht mit Spielern und hat immer ein sehr gutes Händchen dafür, genau die richtigen für sein Spielkonzept auszuwählen: immer wachsam, immer agil, keine Hierarchien, Jungs, die sich hochkämpfen wollen, die heiß drauf sind, zu spielen. Der Erfolg gibt ihm Recht. „Zu mir sind europäische Topteams gekommen, ich hatte Angebote zu wechseln, aber ich wollte das hier fortsetzen“, beschreibt er seine enge Verbundenheit mit Göttingen und seinen Veilchen. Er fühlt sich hier merkbar wohl, Frau, Kinder, Pferd und Hund sowie die angenehme Community schaffen eine enge Verbindung. Etwas, das er auch bei seinen amerikanischen Spielern beobachtet. „Wenn sie herkommen, haben sie Probleme, den Müll zu trennen oder die Straßenschilder zu lesen. Rechts vor links ist kompliziert“, schmunzelt John Patrick. „Aber wenn sie das erste Mal spielen, dann sind sie gewöhnlich sprachlos wegen der Fans. Unsere Spieler werden hier besser behandelt als in jedem Team, in dem ich je gespielt habe. Sie haben ein hohes Maß an Respekt. Sie sind richtige Rollenvorbilder, die Kinder sagen: Wow! Ich glaube, das ist für viele sehr wichtig.“
Gefragt nach seinem Erfolgsrezept gibt sich John Patrick bescheiden. „There is no secret. Ich liebe Basketball, ich liebe meinen Job, wir investieren alle viel Zeit.“ Die Assistant Coaches, die Leute im Büro, die Spieler würden härter arbeiten und mehr geben als anderswo. „Du bekommst nur heraus, was du reintust. Ganz einfach“, meint der Coach lakonisch. „Wir haben eine Philosophie, da geht es nicht darum, Spiele zu gewinnen oder zu verlieren, sondern wie wir zusammenarbeiten. Der Grund für unseren Erfolg ist die Einstellung.“ Für die Zukunft hat man sich so viel nicht vorgenommen, in der sportlichen Spitze Deutschlands und Europas ist man schließlich schon. Nun heißt das klare Ziel: mehr mittelfristige Planbarkeit, Verstetigung des Erfolgs und die Suche nach einem Sponsor, der genau das möglich macht. Denn: „Eine Spitzenmannschaft braucht auch ein Spitzenbudget“, bringt es Marc Franz auf den Punkt. „Ich glaube auch von ganzem Herzen, dass Spitzensport in eine Stadt wie Göttingen gehört, genau wie ein Symphonieorchester und ein Theater.“ Er hat Grund zur Zuversicht, die Karriere der violetten Underdogs ist einmalig. „Verglichen mit Oldenburg, Alba, Bonn, Bamberg – diese hatten viel mehr Zeit gehabt, um so groß wie heute zu werden“, beschreibt es John Patrick. „Bamberg hatte 20 Jahre Zeit, um ein acht Millionen-Budget zu bekommen, wir hatten drei, um auf zwei Millionen zu kommen. Und wir haben den Eurochallenge gewonnen, fünf Jahre, nachdem wir nur ein Jugendteam hatten.“
Zumindest wird John Patrick noch eine Weile hier bleiben und die Früchte des Erfolgs ernten. Derweil sonnt er sich im Respekt seiner alten Buddies: „General Managers der NBA kamen zu mir und haben gesagt: Unglaublich, was du geschafft hast. Ich habe inzwischen NBA-Teams, die ihre Spieler hier zur Entwicklung bringen wollen, viele deutsche Spieler sehen den Vorteil, hier ein bis zwei Jahre zu spielen – als Sprungbrett für höhere Ligen.“ Vor zwei Jahren kannte im Basketball Göttingen niemand, inzwischen kennt das jeder.



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