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Glänzende Augen kriegt niemand – noch gibt es keine überzeugende „Story“, die sich mit der Zusammenlegung von Landkreisen verbinden ließe. Sicher, der von den beteiligten Kommunen beauftragte Gutachter Prof. Dr. Joachim Jens Hesse schätzt, dass sich bei Fusionen zehn bis 20 Prozent der Sach- und Personalkosten einsparen ließen. Größere Einheiten können eben meist wirtschaftlicher arbeiten, das Personal kann gezielter eingesetzt werden – letztlich verbessert sich die Dienstleistungsqualität für den Bürger. Und wenn weniger Menschen in Südniedersachsen leben, brauchen sie auch weniger Kommunalverwaltung. Aber lässt sich damit Aufbruchsstimmung für tiefgreifende und konsequente Änderungen erzeugen? Selbst die Protagonisten einer Zusammenlegung der drei südniedersächsischen Landkreise zu einem „großen“ Landkreis Göttingen zweifeln. Sie wissen, dass sie den Bürgern einiges abverlangen, wenn Modelle von Kreisreformen zur Debatte stehen, bei denen es auch um die Außensicht geht. „Getrennt marschieren – und gemeinsam einen auf die Nuss kriegen“, so charakterisiert Dr. Arno Brandt die Wahrnehmung Südniedersachsens in Hannover, Berlin und Brüssel gern flapsig. Und er meint es ernst. Wichtige Akteure – nicht nur kommunalpolitisch Verantwortliche, sondern auch Parlamentarier und Wissenschaftler, Kammern und Verbände – sind sich nach Einschätzung des Leiters Regionalwirtschaft der Nord/LB oft nur in der Feststellung einig, dass sie sich uneinig sind. Jeder meint, für sich das Beste herausholen zu müssen – notfalls auch auf Kosten des Nachbarn.
Wenn Brandt die ökonomische Positionierung der Region im bundes- und landesweiten Vergleich erläutert, wird deutlich, dass die Dissonanzen durchaus eine Wirkung haben. Und zwar negative. Auf Wirtschaft und Beschäftigung. Auf kommunale Haushalte. Auf die Einwerbung von EU-, Landes- und Bundesmitteln. Zwar geht es bei der Bewertung verschiedener Modelle der Fusion von Landkreisen auch um organisatorische Detailprobleme – dies sind jedoch spröde Aspekte. Sollen Bußgeldstellen, das Führerscheinwesen und die Aufsicht über Realverbände zentralisiert werden oder erfolgt die Aufgaben in den drei Kreishäusern in Osterode, Göttingen und Northeim effizient genug? Müssen die Rechnungsprüfungsämter und die Bezügeabrechnung zentralisiert werden? Brauchen wir ein kommunales Finanzzentrum und eine gemeinsame Einsatzleitstelle? Wer sich über Vor- und Nachteile von Kreisfusionen eine Meinung bilden will, müsste sich eigentlich auch auf Aspekte wie diese einlassen. Doch die sind spannend wie Bockwürste und Sauerkraut. Und er müsste versuchen, allerlei taktische Überlegungen zu durchschauen: Wessen Kommune rückt bei der Bildung eines Großkreise an den Rand und wer in die Mitte? Welche Partei verspricht sich bei künftigen Wahlen welche Vorteile? Wer erhält welche Machtoptionen?
Doch geht es darum wirklich? Wer sich Brandts Daten vornimmt, zweifelt. Der Handlungsbedarf scheint so gravierend zu sein, dass es um nichts weniger als um die Zukunftsfähigkeit Südniedersachsens geht. Dass zum Beginn des Jahres 2012 Zeit ist, politische Mätzchen beiseite zu lassen und eine Strategie für eine Kommunalstruktur zu entwickeln, die bürgernah und damit geeignet ist, Südniedersachsen fit für die nächsten Jahrzehnte zu machen. Und die die unter Kassenkrediten ächzenden Kommunen wieder handlungsfähig machen. Die Zeit drängt. Anfang November 2011 hat Bernhard Reuter sein neues Landratsbüro in Göttingen bezogen. Drei Wochen später hat der Osteroder Kreistag beschlossen, den von Reuter geräumten Posten des Landrats zunächst nicht wieder zu besetzen und die Vakanz mit einer Doppelspitze aus dem Kreisrat Gero Geißlreiter und dem stellvertretenden Landrat Klaus Liebing auszugleichen. Bereits im März 2011 hatte der Kreistag in Northeim unter Hinweis auf anstehende Fusionsgespräche die Amtszeit von Landrat Michael Wickmann bis Ende Oktober 2013 verlängert. Mit beiden Beschlüssen signalisierten die Kreistage die Ernsthaftigkeit ihrer Absicht, über Fusionen zu verhandeln. In den Landkreisen Göttingen, Northeim und Osterode haben die jeweils aus SPD und Grünen gebildeten Mehrheitsgruppen ihre politische Absicht für ein Zusammengehen dokumentiert. Für die anstehenden Fusionsgespräche hat Osterode einen Forderungskatalog formuliert – Northeim will in dieser Sache folgen. In einer Fortschreibung seines Grundgutachtens auf Landesebene will Hesse im Januar 2012 die Beziehungen zwischen Stadt und Landkreis Göttingen untersuchen.
Parallel dazu arbeitet die Göttinger Stadtverwaltung an einem Entschuldungsprogramm. Oberbürgermeister Wolfgang Meyer will am 17. Februar die Kernelemente skizzieren und einen auf mehrere Wochen angelegten öffentlichen Diskussions- und Beteiligungsprozess starten. Der Rat will über das Programm vor der Sommerpause entscheiden. Den Grundsatzbeschluss zum Abschluss eines Zukunftsvertrages mit dem Land hatte die Göttinger Bürgervertretung Mitte November gefasst. Sie hofft, die Stadt um bis zu 75 Prozent (circa 142 Mio. Euro) ihrer Kassenkredite und deren Verzinsung zu entlasten. Im Gegenzug muss sich die Stadt aber verpflichten, mit Mehreinnahmen und Einsparungen künftig ausgeglichene Haushalte sicherzustellen.
Die Beteiligten an den Fusionsgesprächen kennen nicht nur den Fahrplan der Stadt Göttingen, sondern auch das Fristende 31. März 2013. Sie wissen, dass eine nochmalige Verschiebung dieses Datums unwahrscheinlich ist. Nur wenn bis zu diesem Tag Fusionsabsichten formuliert sind, können die drei Landkreise, ohne die Stadt Göttingen, damit rechnen, dass das Land ihnen drei Viertel ihrer Kassenkredite abnimmt. Das können – je nach Rechenweise – bis zu 120 Millionen Euro sein. Diese Hochzeitsprämie bringt ausgerechnet der schwache Partner in die Ehe ein: Der Landkreis Osterode ist also sexy, weil er arm ist. Auch Goslar interessiert sich neuerdings wieder dafür, mit ihm anzubandeln. Da die Landesregierung immer erklärt hatte, in der bis Januar 2013 befristeten Legislaturperiode werde es keine Gebietsreform „von oben“ geben, sind diese innerregionalen Verhandlungen wichtig. Das Land muss schließlich wissen, was die Region will. Doch ausschlaggebend ist, was der Landtag will: Über Gebietsänderungen kann nur das Parlament in Hannover entscheiden. So halten es denn viele Verantwortliche für unverzichtbar, dass das Innenministerium den Prozess der innerregionalen Fusionsverhandlungen aktiv begleitet.
Genau deshalb waren Ende November Irritationen aufgetreten, als vier CDU-Landtagsabgeordnete nach einem Gespräch mit Uwe Schünemann erklärt hatten, der Innenminister lehne eine Dreier-Fusion in Südniedersachsen ab – Anlass für eine kleine Anfrage der SPD-Parlamentarier im Landtag, ob der zwischen Landesregierung und kommunalen Spitzenverbänden 2009 geschlossene Zukunftsvertrag mit der Möglichkeit freiwilliger Fusionen noch gültig sei. In diesem Vertrag hatten die Unterzeichner festgehalten, dass durch die Nutzung neuer Kommunikationstechnologien sowie den demografischen Wandel in verschiedenen Landesteilen Änderungsbedarf entstanden sei. Aufgabe von Gutachter Hesse war es, auf dieser Basis die Situation in Südniedersachsen zu analysieren und der Politik Lösungswege aufzuzeigen. Auf 370 Seiten haben der Verwaltungswissenschaftler und seine Mitarbeiter Daten und Fakten zuhauf zusammengestellt. So haben sie sich auch mit der Frage befasst, ob ein Großkreis Göttingen mit mehr als 3.000 Quadratkilometern nicht „zu groß“ würde. Immerhin muss ja auch künftig ehrenamtliche politische Arbeit möglich und zumutbar sein. Hesse gibt Entwarnung: Die ehrenamtliche Arbeit werde durch Fusionen „nicht über Gebühr erschwert“.
Wenn auch der Landkreis Göttingen im Vergleich zu seinen Nachbarn noch ganz gut dasteht, verliert auch er – ohne Berücksichtigung der Stadt Göttingen – bis zum Jahr 2030 rund 17 Prozent seiner Einwohner. Nach Einschätzung Hesses begrenzt das demografische Entwicklungsszenario die weitere Entwicklungsfähigkeit der Region und erfordert konsequentes Handeln. Hesse: „Aufgrund der negativen Bevölkerungsentwicklung in allen Gebietskörperschaften erbrächte ein regionaler Zusammenschluss keinen Ausgleich, doch könnte die fusionsbedingt höhere Bevölkerungszahl einer neuen Gebietskörperschaft die bestehenden Einschnitte in die öffentliche Versorgung begrenzen.“ Da ist sie wieder – die wenig Faszination ausstrahlende Grundaussage: Die Menschen in Südniedersachsen müssen mit Leistungseinschränkungen der Öffentlichen Hand rechnen; eine Landkreisfusion löst die Probleme nicht, kann sie aber reduzieren. Wo bleibt die überzeugende Botschaft?
Bei einem Zusammengehen der drei südniedersächsischen Landkreise entstünde eine Gebietskörperschaft für 474.000 Menschen. Es wäre dies zunächst der größte niedersächsische Landkreis. Zunächst, denn die Region schrumpft. Hesse betont: „Die Qualität der Verwaltungsorganisation erhöht sich in größeren Einheiten vor allem aufgrund des steigenden Spezialisierungsgrades und damit des fachlichen wie technischen Wissens der Mitarbeiter.“
Wer das Hesse-Gutachten durcharbeitet, erkennt: Im Zweifel lassen sich für fast alle Thesen der Kritiker und der Befürworter von Fusionen Belege finden. So kommt der Gutachter zu dem Schluss, dass die drei Landkreise aus sich selbst heraus zwar lebens-, aber nur eingeschränkt zukunftsfähig sind. Es reiche nicht, die interkommunale Zusammenarbeit auszubauen. Hesse hält Fusionen deshalb für „durchaus angezeigt“. Während er eine Fusion Osterodes mit Goslar strikt ablehnt, hält er ein ähnlich gelagertes Zusammengehen Osterodes mit Northeim in einem ersten Schritt für sinnvoll. Parallel dazu sollten Stadt und Landkreis Göttingen versuchen, ihre Finanzbeziehungen zu ordnen und Parallelstrukturen sowie Doppelarbeiten abzubauen. Genau von dieser Zweistufigkeit halten Praktiker in den Verwaltungen wenig. Eine Neukonzeption vorzubereiten und umzusetzen und dann gleich wieder eine weitere Neuordnung zu verordnen – so könne man eine öffentliche Verwaltung ein ganzes Jahrzehnt blockieren. Tenor: Mit dem Zwischenschritt kommt man ganz aus dem Tritt.
Fast zwangsläufig folgte auf Hesses Ausführungen eine Diskussion über die Frage, ob Göttingen nicht doch kreisfrei werden könne. Befürworter wie etwa SPD-Ratsfraktionschef Frank-Peter Arndt verweisen darauf, dass die Stadt damit nicht nur auf andere Fördertöpfe zugreifen, sondern auch weiterem Finanzstreit mit dem Landkreis aus dem Wege gehen könne. Dass sich die Stadt Göttingen unter dem Strich damit besser stellt als bislang, ist aber gar nicht mal sicher: Göttingen hätte nämlich als kreisfreie Stadt die Kosten der Sozialhilfe zu schultern. Darüber hinaus könnte die Kreisfreiheit zu neuen Konflikten zwischen Stadt und Umland führen. Oberbürgermeister Wolfgang Meyer besteht darauf, dass der Status der Stadt Göttingen nicht herabgestuft werden darf. Damit kommt auch eine Qualifizierung als „große selbständige Stadt“ nicht infrage. Vieles spricht deshalb dafür, dass sich Stadt und Landkreis Göttingen auf der Basis des status quo so verständigen, dass Auseinandersetzungen über Finanzen nicht jedes Jahr aufs Neue die Beziehungen beider Partner belasten. Doch kann nicht erst eine Kreisfusion umgesetzt, das Problem Göttingen ausgeklammert und zu einem späteren Zeitpunkt gelöst werden? Landrat Wickmann gehört zu denen, die abwehrend die Hände heben: „Das kommt nicht infrage. Wir müssen als Landkreis Northeim genau wissen, auf was wir uns bei einer Fusion finanziell einlassen.“
So geht es denn vielen Verantwortlichen im Kern darum, die Göttinger Probleme zu lösen, eine große Lösung vorzubereiten und parallel zu überlegen, wie sich die Region weiterentwickeln kann, wenn die große Lösung scheitert. Arno Brandt ist da pessimistisch: Nach seiner Einschätzung können die Großräume Braunschweig und Göttingen allein nicht wieder Tritt fassen – nur mit Unterstützung der Landesregierung könne es gelingen, zu Hannover und zum Nordwesten des Landes aufzuschließen. In Anlehnung an den Emsland-Plan aus den sechziger und siebziger Jahren plädiert Brandt dafür, einen Südniedersachsen-Plan zu konzipieren. Auch Prof. Hesse hatte in seinem Gutachten eine „Zukunftsinitiative Südniedersachsen“ gefordert – ohne indes zu präzisieren, was er damit meint. Die wesentliche Frage derzeit ist jedoch wohl: Sind die Südniedersachsen in der Lage, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen oder warten sie auf eine Gebietsreform von oben im Jahr 2013?
Wenn Brandt die ökonomische Positionierung der Region im bundes- und landesweiten Vergleich erläutert, wird deutlich, dass die Dissonanzen durchaus eine Wirkung haben. Und zwar negative. Auf Wirtschaft und Beschäftigung. Auf kommunale Haushalte. Auf die Einwerbung von EU-, Landes- und Bundesmitteln. Zwar geht es bei der Bewertung verschiedener Modelle der Fusion von Landkreisen auch um organisatorische Detailprobleme – dies sind jedoch spröde Aspekte. Sollen Bußgeldstellen, das Führerscheinwesen und die Aufsicht über Realverbände zentralisiert werden oder erfolgt die Aufgaben in den drei Kreishäusern in Osterode, Göttingen und Northeim effizient genug? Müssen die Rechnungsprüfungsämter und die Bezügeabrechnung zentralisiert werden? Brauchen wir ein kommunales Finanzzentrum und eine gemeinsame Einsatzleitstelle? Wer sich über Vor- und Nachteile von Kreisfusionen eine Meinung bilden will, müsste sich eigentlich auch auf Aspekte wie diese einlassen. Doch die sind spannend wie Bockwürste und Sauerkraut. Und er müsste versuchen, allerlei taktische Überlegungen zu durchschauen: Wessen Kommune rückt bei der Bildung eines Großkreise an den Rand und wer in die Mitte? Welche Partei verspricht sich bei künftigen Wahlen welche Vorteile? Wer erhält welche Machtoptionen?
Doch geht es darum wirklich? Wer sich Brandts Daten vornimmt, zweifelt. Der Handlungsbedarf scheint so gravierend zu sein, dass es um nichts weniger als um die Zukunftsfähigkeit Südniedersachsens geht. Dass zum Beginn des Jahres 2012 Zeit ist, politische Mätzchen beiseite zu lassen und eine Strategie für eine Kommunalstruktur zu entwickeln, die bürgernah und damit geeignet ist, Südniedersachsen fit für die nächsten Jahrzehnte zu machen. Und die die unter Kassenkrediten ächzenden Kommunen wieder handlungsfähig machen. Die Zeit drängt. Anfang November 2011 hat Bernhard Reuter sein neues Landratsbüro in Göttingen bezogen. Drei Wochen später hat der Osteroder Kreistag beschlossen, den von Reuter geräumten Posten des Landrats zunächst nicht wieder zu besetzen und die Vakanz mit einer Doppelspitze aus dem Kreisrat Gero Geißlreiter und dem stellvertretenden Landrat Klaus Liebing auszugleichen. Bereits im März 2011 hatte der Kreistag in Northeim unter Hinweis auf anstehende Fusionsgespräche die Amtszeit von Landrat Michael Wickmann bis Ende Oktober 2013 verlängert. Mit beiden Beschlüssen signalisierten die Kreistage die Ernsthaftigkeit ihrer Absicht, über Fusionen zu verhandeln. In den Landkreisen Göttingen, Northeim und Osterode haben die jeweils aus SPD und Grünen gebildeten Mehrheitsgruppen ihre politische Absicht für ein Zusammengehen dokumentiert. Für die anstehenden Fusionsgespräche hat Osterode einen Forderungskatalog formuliert – Northeim will in dieser Sache folgen. In einer Fortschreibung seines Grundgutachtens auf Landesebene will Hesse im Januar 2012 die Beziehungen zwischen Stadt und Landkreis Göttingen untersuchen.
Parallel dazu arbeitet die Göttinger Stadtverwaltung an einem Entschuldungsprogramm. Oberbürgermeister Wolfgang Meyer will am 17. Februar die Kernelemente skizzieren und einen auf mehrere Wochen angelegten öffentlichen Diskussions- und Beteiligungsprozess starten. Der Rat will über das Programm vor der Sommerpause entscheiden. Den Grundsatzbeschluss zum Abschluss eines Zukunftsvertrages mit dem Land hatte die Göttinger Bürgervertretung Mitte November gefasst. Sie hofft, die Stadt um bis zu 75 Prozent (circa 142 Mio. Euro) ihrer Kassenkredite und deren Verzinsung zu entlasten. Im Gegenzug muss sich die Stadt aber verpflichten, mit Mehreinnahmen und Einsparungen künftig ausgeglichene Haushalte sicherzustellen.
Die Beteiligten an den Fusionsgesprächen kennen nicht nur den Fahrplan der Stadt Göttingen, sondern auch das Fristende 31. März 2013. Sie wissen, dass eine nochmalige Verschiebung dieses Datums unwahrscheinlich ist. Nur wenn bis zu diesem Tag Fusionsabsichten formuliert sind, können die drei Landkreise, ohne die Stadt Göttingen, damit rechnen, dass das Land ihnen drei Viertel ihrer Kassenkredite abnimmt. Das können – je nach Rechenweise – bis zu 120 Millionen Euro sein. Diese Hochzeitsprämie bringt ausgerechnet der schwache Partner in die Ehe ein: Der Landkreis Osterode ist also sexy, weil er arm ist. Auch Goslar interessiert sich neuerdings wieder dafür, mit ihm anzubandeln. Da die Landesregierung immer erklärt hatte, in der bis Januar 2013 befristeten Legislaturperiode werde es keine Gebietsreform „von oben“ geben, sind diese innerregionalen Verhandlungen wichtig. Das Land muss schließlich wissen, was die Region will. Doch ausschlaggebend ist, was der Landtag will: Über Gebietsänderungen kann nur das Parlament in Hannover entscheiden. So halten es denn viele Verantwortliche für unverzichtbar, dass das Innenministerium den Prozess der innerregionalen Fusionsverhandlungen aktiv begleitet.
Genau deshalb waren Ende November Irritationen aufgetreten, als vier CDU-Landtagsabgeordnete nach einem Gespräch mit Uwe Schünemann erklärt hatten, der Innenminister lehne eine Dreier-Fusion in Südniedersachsen ab – Anlass für eine kleine Anfrage der SPD-Parlamentarier im Landtag, ob der zwischen Landesregierung und kommunalen Spitzenverbänden 2009 geschlossene Zukunftsvertrag mit der Möglichkeit freiwilliger Fusionen noch gültig sei. In diesem Vertrag hatten die Unterzeichner festgehalten, dass durch die Nutzung neuer Kommunikationstechnologien sowie den demografischen Wandel in verschiedenen Landesteilen Änderungsbedarf entstanden sei. Aufgabe von Gutachter Hesse war es, auf dieser Basis die Situation in Südniedersachsen zu analysieren und der Politik Lösungswege aufzuzeigen. Auf 370 Seiten haben der Verwaltungswissenschaftler und seine Mitarbeiter Daten und Fakten zuhauf zusammengestellt. So haben sie sich auch mit der Frage befasst, ob ein Großkreis Göttingen mit mehr als 3.000 Quadratkilometern nicht „zu groß“ würde. Immerhin muss ja auch künftig ehrenamtliche politische Arbeit möglich und zumutbar sein. Hesse gibt Entwarnung: Die ehrenamtliche Arbeit werde durch Fusionen „nicht über Gebühr erschwert“.
Wenn auch der Landkreis Göttingen im Vergleich zu seinen Nachbarn noch ganz gut dasteht, verliert auch er – ohne Berücksichtigung der Stadt Göttingen – bis zum Jahr 2030 rund 17 Prozent seiner Einwohner. Nach Einschätzung Hesses begrenzt das demografische Entwicklungsszenario die weitere Entwicklungsfähigkeit der Region und erfordert konsequentes Handeln. Hesse: „Aufgrund der negativen Bevölkerungsentwicklung in allen Gebietskörperschaften erbrächte ein regionaler Zusammenschluss keinen Ausgleich, doch könnte die fusionsbedingt höhere Bevölkerungszahl einer neuen Gebietskörperschaft die bestehenden Einschnitte in die öffentliche Versorgung begrenzen.“ Da ist sie wieder – die wenig Faszination ausstrahlende Grundaussage: Die Menschen in Südniedersachsen müssen mit Leistungseinschränkungen der Öffentlichen Hand rechnen; eine Landkreisfusion löst die Probleme nicht, kann sie aber reduzieren. Wo bleibt die überzeugende Botschaft?
Bei einem Zusammengehen der drei südniedersächsischen Landkreise entstünde eine Gebietskörperschaft für 474.000 Menschen. Es wäre dies zunächst der größte niedersächsische Landkreis. Zunächst, denn die Region schrumpft. Hesse betont: „Die Qualität der Verwaltungsorganisation erhöht sich in größeren Einheiten vor allem aufgrund des steigenden Spezialisierungsgrades und damit des fachlichen wie technischen Wissens der Mitarbeiter.“
Wer das Hesse-Gutachten durcharbeitet, erkennt: Im Zweifel lassen sich für fast alle Thesen der Kritiker und der Befürworter von Fusionen Belege finden. So kommt der Gutachter zu dem Schluss, dass die drei Landkreise aus sich selbst heraus zwar lebens-, aber nur eingeschränkt zukunftsfähig sind. Es reiche nicht, die interkommunale Zusammenarbeit auszubauen. Hesse hält Fusionen deshalb für „durchaus angezeigt“. Während er eine Fusion Osterodes mit Goslar strikt ablehnt, hält er ein ähnlich gelagertes Zusammengehen Osterodes mit Northeim in einem ersten Schritt für sinnvoll. Parallel dazu sollten Stadt und Landkreis Göttingen versuchen, ihre Finanzbeziehungen zu ordnen und Parallelstrukturen sowie Doppelarbeiten abzubauen. Genau von dieser Zweistufigkeit halten Praktiker in den Verwaltungen wenig. Eine Neukonzeption vorzubereiten und umzusetzen und dann gleich wieder eine weitere Neuordnung zu verordnen – so könne man eine öffentliche Verwaltung ein ganzes Jahrzehnt blockieren. Tenor: Mit dem Zwischenschritt kommt man ganz aus dem Tritt.
Fast zwangsläufig folgte auf Hesses Ausführungen eine Diskussion über die Frage, ob Göttingen nicht doch kreisfrei werden könne. Befürworter wie etwa SPD-Ratsfraktionschef Frank-Peter Arndt verweisen darauf, dass die Stadt damit nicht nur auf andere Fördertöpfe zugreifen, sondern auch weiterem Finanzstreit mit dem Landkreis aus dem Wege gehen könne. Dass sich die Stadt Göttingen unter dem Strich damit besser stellt als bislang, ist aber gar nicht mal sicher: Göttingen hätte nämlich als kreisfreie Stadt die Kosten der Sozialhilfe zu schultern. Darüber hinaus könnte die Kreisfreiheit zu neuen Konflikten zwischen Stadt und Umland führen. Oberbürgermeister Wolfgang Meyer besteht darauf, dass der Status der Stadt Göttingen nicht herabgestuft werden darf. Damit kommt auch eine Qualifizierung als „große selbständige Stadt“ nicht infrage. Vieles spricht deshalb dafür, dass sich Stadt und Landkreis Göttingen auf der Basis des status quo so verständigen, dass Auseinandersetzungen über Finanzen nicht jedes Jahr aufs Neue die Beziehungen beider Partner belasten. Doch kann nicht erst eine Kreisfusion umgesetzt, das Problem Göttingen ausgeklammert und zu einem späteren Zeitpunkt gelöst werden? Landrat Wickmann gehört zu denen, die abwehrend die Hände heben: „Das kommt nicht infrage. Wir müssen als Landkreis Northeim genau wissen, auf was wir uns bei einer Fusion finanziell einlassen.“
So geht es denn vielen Verantwortlichen im Kern darum, die Göttinger Probleme zu lösen, eine große Lösung vorzubereiten und parallel zu überlegen, wie sich die Region weiterentwickeln kann, wenn die große Lösung scheitert. Arno Brandt ist da pessimistisch: Nach seiner Einschätzung können die Großräume Braunschweig und Göttingen allein nicht wieder Tritt fassen – nur mit Unterstützung der Landesregierung könne es gelingen, zu Hannover und zum Nordwesten des Landes aufzuschließen. In Anlehnung an den Emsland-Plan aus den sechziger und siebziger Jahren plädiert Brandt dafür, einen Südniedersachsen-Plan zu konzipieren. Auch Prof. Hesse hatte in seinem Gutachten eine „Zukunftsinitiative Südniedersachsen“ gefordert – ohne indes zu präzisieren, was er damit meint. Die wesentliche Frage derzeit ist jedoch wohl: Sind die Südniedersachsen in der Lage, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen oder warten sie auf eine Gebietsreform von oben im Jahr 2013?









